Wieviel Kettendurchhang braucht mein Motorrad wirklich? Eine Messung der Abhängigkeit des Kettendurchhangs vom Einfederweg.

  • #1

    Ja, ich weiß - der einzustellende Kettendurchhang steht im Handbuch: Thema erledigt. Aber ich bin ungezogen und finde Sachen gerne selbst heraus.


    Der Kettendurchhang ist eine Reserve an Kettenlänge, die gebraucht wird, wenn sich der Abstand zwischen Ritzel und Kettenrad vergrößert. Der Abstand zwischen diesen beiden Bauteilen ändert sich, abhängig von der Auslenkung der Schwinge. Ist die Schwinge in einer Position, bei der Ritzelachse, Drehachse der Schwinge und Kettenradachse auf derselben Geraden liegen, ist der Abstand zwischen Ritzel und Kettenrad am größten. In dieser Situation wird die größte Kettenlänge benötigt und der Bedarf an zusätzlicher Kettenlänge speist sich aus dem Durchhang.


    Ist der Kettendurchhang aufgebraucht, zwängt die Kette Ritzel und Kettenblatt zusammen und übt auf die beteiligten Bauteile so große Kräfte aus, dass sie zerstört werden können. Ich denke da hauptsächlich an Lager.


    Die Kettengleiter, die den Verlauf der Kette zusätzlich beeinflussen, muss ich vorerst ignorieren, weil beim Forza, ohne die Verkleidung demontiert zu haben, die Kette und ihr Verlauf nur innerhalb kleiner Abschnitte zu beobachten ist.


    Das Ziel ist, an meinem Forza 750 (RH11, 2024), den unbedingt notwendigen minimalen Kettendurchhang zu ermitteln. Es geht mir primär nicht darum, hier eine Zahl zu präsentieren, sondern den Weg zu dieser Zahl zu beschreiben. Im Wesentlichen habe ich das hier gemacht:


    Abhängigkeit des Kettendurchhangs vom Einfederweg
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    Dann habe ich schrittweise verschiedene Einfederwege eingestellt und den resultierenden Kettendurchhang gemessen. Beginnend bei Einfederweg=0, also die Lage der Schwinge, wenn das Motorrad auf dem Hauptständer stünde und das Hinterrad in der Luft wäre. Der so ermittelte Zusammenhang zwischen Einfederweg und Kettendurchhang:



    Die absoluten Werte für den Durchhang sind hier nicht wichtig - sie hängen vom während des Experimentierens zufällig eingestellten Kettendurchhang ab. Wichtig ist die Charakteristik, die erkennen lässt, bei welchem Einfederweg die meiste Kettenlänge benötigt wird und wo der Umkehrpunkt ist. Interessanterweise ist der Umkehrpunkt genau da, wo der Federweg des Hinterrads endet - beim Forza bei 120mm.


    Durch die Trennung von Schwinge und Federbein konnte ich 150mm Einfederweg erreichen. So ist die Umkehr deutlich zu erkennen. Wie gesagt, die Kettengleiter haben da sicher auch einen Einfluss, aber den konnte ich mangels Sicht nicht beurteilen.


    Jetzt weiß ich also, bei welchem Einfederweg die größte Kettenlänge gebraucht wird. Bei diesem Einfederweg kann der Durchhang im Prinzip auf Null gestellt werden, denn In allen anderen Stellungen der Schwinge wird der Abstand zwischen Ritzel und Kettenblatt immer nur noch kleiner. "Im Prinzip auf Null" heißt, dass ich trotzdem einen Durchhang einstellen sollte, um auf Eventualitäten vorbereitet zu sein. Kettenräder sind manchmal nicht zentriert montiert und es ist ratsam, für diese Exzentrizität etwas Kettendurchhang zur Verfügung zu lassen.


    Nun habe ich bei diesem speziellen "Einfederweg mit größtem Zahnradabstand" den minimal notwendigen Kettendurchhang eingestellt, das Motorrad fahrfertig gemacht und es auf den Hauptständer gestellt. Und in diesem Augenblick stellt sich der Kettendurchhang ein, der eigentlich im Fahrerhandbuch stehen könnte. Ich werde mir mit diesem Maß eine Lehre machen, die ich zwischen Schwinge und Kette halten kann - und diese Lehre kann mir dann zeigen, welcher Kettendurchhang auf keinen Fall unterschritten werden darf.


    Bei mir sind es jetzt etwa 30mm zwischen Oberkante Kette und metallischem Teil der Schwinge. Das Handbuch gibt 45mm vor - allerdings zwischen Mitte Kettenniet und der Ebene, auf der der Kettengleiter montiert ist - und die ist am Grund einer Hinterschneidung, also an einer Stelle, die man noch nicht einmal sehen kann. Vor dem Hintergrund, dass es bei dem ganzen Einstellprozess, neben Messungenauigkeiten, zahlreiche Definitions- und Interpretationshürden gibt, ist die Honda-Vorgabe "45mm" durchaus plausibel und fehlertolerant.



    Edit: Einbettungslink

    Einmal editiert, zuletzt von Andreas ()

  • #2

    Super erklärt ! Selten, dass jemand mal so einen Aufwand betreibt !

    An meiner Enduro habe ich 300 mm Federweg !

    Auch da gibt es im Handbuch Vorgaben wie der Kettendurchhang einzustellen ist - auf dem Seitenständer.


    Vor Jahren habe ich mir mal die Mühe gemacht und mit Spanngurten das Heck soweit runtergezogen, dass die Schwinge wagrecht stand (eine Ebene mit dem Ritzel).

    In dieser Stellung war die Kette bei der vorgeschriebenen Einstellung relativ stramm, aber nicht zu extrem gespannt. Werkseinstellungen sind also korrekt.

    Allerdings: Fährst du im Sand oder Matsch empfiehlt sich die Kette lockerer einzustellen, da durch Schmutz/Sand zwischen Kettenrad und Kette der Extrempunkt schnell überschritten werden kann.

    Grundsätzlich stelle ich die Kettenspannung auch an der NC immer ein wenig zu locker ein. Eine zu stramm gespannte Kette belastet unnötig das Lager am Ritzel und könnte im Extremfall zum Riss der Kette führen (kenne aber niemanden, dem das passiert ist). Bei einer - leicht - zu lockeren Kette besteht nicht die Gefahr des Abspringens, maximal ein leichtes Schlagen und Unruhe beim Fahren.

  • #3

    Ich bin erleichtert, dass ich nicht der einzige Verrückte bin - an der XT600 und an der Integra habe ich das auch so gemacht:



  • #4

    Schwinge so weit hochziehen, bis Getriebeausgangswelle, Schwingenachse und Radachse auf einer Linie sind, Kette durchspannen, FERTSCH!

    "Das Widerlegen von Schwachsinn erfordert eine Größenordnung mehr Energie als dessen Produktion."

    (Brandolinis Gesetz, auch Bullshit-Asymmetrie-Prinzip genannt)

  • #6

    An der Stelle, die im Fahrerhandbuch beschrieben ist. Achtung: Ich messe anders, als im Fahrerhandbuch beschrieben ist, z.B. nicht ab Mitte Kettenniet (bitte bei Bedarf nochmal nachlesen).

    Quelle: Forza 750 Fahrerhandbuch S. 150



    Mit meinem Bericht will ich nicht sagen, dass es 30mm sein müssen. Ich wollte herausfinden, wie gut die Herstellervorgabe den tatsächlichen Erfordernissen entspricht. Das Fazit ist, dass die Herstellervorgabe ganz gut ist - leicht im Plus, damit die Einstellung auf keinen Fall ins Minus gerät.

  • #8

    Ich messe seit je her den Durchhang belastet, mit allen Koffern und Fahrer in Montur eingefedert nicht aufgebockt, kein Seitenständer.


    Eingestellt wird der kleinere Wert, bei 30-40 mm eben 30 mm


    Mache ich seit 30 Jahren so… :)

  • #9

    Thema Kettenspannung:
    Neuer Kettensatz wurde von meiner Werkstatt montiert, aber nur weil ich keinen pneum. Schlagschrauber zuhause habe um die Ritzelmutter zu lösen. Das war vor etwa 1.700 KIlometern. Seitdem gut unterwegs gewesen, aber nicht großartig nach der Kette geschaut. Nur darauf geachtet, dass sie immer gut geschmiert ist.

    Am Heiligabend auf dem Rückweg vom Treffen am Großen Feldberg im Taunus auf der Autobahn etwas Gas gegeben. Plötzlich war bei ca. 160 km/h der Vortrieb weg. Dichtbefahrene Autobahn !

    Ich sofort Kupplung gezogen und auf dem Standstreifen ausgerollt, ca. 1 km von der Ausfahrt entfernt.

    Ich mir vorgestern mal das Drama angeschaut: Die Kette ist tatsächlich nur vom Kettenrad hinten abgesprungen, ein paar Kratzer an den Kettenradschrauben, sonst nichts.

    Das ist mir in fast 40 Jahren Mopedpraxis noch nie passiert - nicht mal bei der Enduro wo ich aufgrund der 300 mm Federweg und im Dreck die Kette grundsätzlich immer sehr locker einstelle.

    Hier hatte ich wohl mindestens zwei Weihnachts-Schutzengel die mitgeflogen sind. Hätte auch anders ausgehen können.

    Also: NICHT Nachmachen !

    Ach so: Die Honda sieht halt versifft aus, wenn man im Winter unterwegs ist und dabei auch Schotterwege benutzt. Wird aber regelmäßig geputzt wg. Salz, etc.

    Und die neue Kette ist eine gute DID-Kette und kein Billigteil.

    Honda NC 750X, RH09, 2022 mit 4.500 km gekauft, jetzt knapp über 60.000 auf der Uhr.

  • #10

    Bei 160 km/h bestimmt heavy. Mit der Original-Kette ist mir das am Ende mit knapp 21.000 km auch mal passiert, vielleicht mit 70 km/h und ohne Verkehr. Das Geräusch war hässlich genug.

    Ein GS-Pilot aus den NL war so freundlich, mich an mein Werkzeug zu erinnern und hat mir geholfen, sie wieder drauf zu kriegen.

    Beim zweiten Mal mit Kette Nr. 2 nach doppelter Laufleistung war ich woanders in unserer dünn besiedelten Provinz, hatte insgeheim damit gerechnet und blieb entspannt. Nur der Zeitverlust war ein bisschen ärgerlich.

    Provozieren werde ich es aber nicht mehr!

    VG Klaus

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