Heute also KTM 1090 Adventure. Meine ersten prägenden Erfahrungen mit dieser Marke hatte ich als 15-jähriger. Ein guter Freund ist damals - und tut es noch heute - amateurmäßig Endurorennen gefahren. Zu dieser Zeit hatte er eine 125er Zweitakt mit ca. 40PS. Ich bin zu dieser Zeit nur die 1978er Schwalbe meines Vaters gefahren. Ein klasse Moped, aber kein Vergleich. Ich also meinen Kumpel bekniet, dass er mich mal mit seiner Wettbewerbsmaschine fahren lässt. Ok, macht er. Ich drauf auf die Kiste, runter vom Hof und gewohnheitsmäßig das Gas voll aufgerissen: schon war das Vorderrad ca. einen Meter in der Luft. Das Ganze konnte bis zum vierten Gang problemlos wiederholt werden. Ich war dann so lange Feuer und Flamme, bis er von den Wartungsintervallen berichtet hat....
Nun, seitdem mag ich KTM. Ich war aber immer skeptisch, ob die Mattighofener auch Bikes bauen können, bei denen sich nicht ständig der Lenker locker vibriert, der Motor auch unter 50% Nenndrehzahl nicht nur lustlos auf der Kette rumhackr oder ich von einer Ausfahrt auch wieder fahrend zurückkommen würde. Von der Dauerhaltbarkeit mal ganz zu schweigen. All diese Dinge hat KTM wohl in den letzten Jahren ganz gut auf die - buchstäbliche - Kette bekommen. Kontinuierliche Entwicklungsarbeit macht´s möglich, der Erfolg gibt KTM recht. 15.000er Wartungsintervalle zeugen von Vertrauen in die Qualität der eigenen Produkte.
Der erste Auftritt der 1090er ist schon mal beeindruckend. Ich habe die normale 19"/17"-Variante gewählt. Die R mit offroadtauglichem Fahrwerk 21"/18" kann ich sowieso nicht nutzen und selbst für die "Normale" gibt´s schon breite Reifenauswahl. Schon im Stand sieht sie aus, als könnte man mit ihr sofort an der nächsten Enduromeisterschaft teilnehmen oder quer durch Russland fahren. Sehniger Auftritt, tolle Schwinge, freier Blick auf´s mächtige Federbein und trotzdem eine opulente Erscheinung von vorn. Aufgesessen dann die Verwunderung: ist die aber schön schmal geschnitten! Die 850mm-Sitzbank kann für mich mit 1,88m ruhig noch 20mm höher sein, aber es fühlt sich dennoch sofort vertraut und sehr gut passend an. Also Motor an - herrje, ist die kaputt? Doch noch das alte Zweizylinder-scheppern der 990er? Nach ein paar Sekunden legt es sich und sie fällt in den relativ ruhigen Leerlauf.
Beim Einlegen des ersten Ganges dann schon ein gutes Gefühl. Die Kupplung ist hydraulisch betätigt, geht mit wenig Kraft und die Gänge rasten sehr präzise und dennoch ohne brutales "Klonk" ein. Bei der MT09 Tracer fand ich die Schaltung gut, hier merke ich wie gut eine Schaltung wirklich sein kann. Hervorragend auch dank Anti-Hopping-Kupplung beim runterschalten.
Beim Anfahren dann die nächste Überraschung. Erwartet hatte ich digitale Kupplung und mächtig Schub, aber es geht sehr sanft und ist extrem gut zu kontrollieren. Etwas Drehzahl braucht der Motor, 3000U/min sind gut. Darüber fühlt er sich wohl. Er geht nie so aggressiv ans Gas wie die Tracer, viel entspannter und dennoch mit einem herrlichem Stampfen der großen Pötte beim Beschleunigen. Ein Wohlfühlmotor mit viel Charakter, der bummeln kann und dennoch blitzschnell bis in den Begrenzer dreht. Traumhaft.
Das Fahrwerk hat 190mm vorn und hinten und ist relativ straff ausgelegt. Asphaltflicken absorbiert es dennoch gut, ein kurzer Schotterausritt zeigt die Offroad-Erfahrung von KTM: bolzenstabil. Immer das Gefühl vermittelnd, dass der Fahrer und nicht das Motorrad die Grenze setzt. Was mich aber am meisten begeistert hat ist die unglaubliche Leichtigkeit und Wendigkeit, welche die 1090er wohl auch durch den schmalen 150er Hinterreifen verströmt. Ich hatte quasi keine Eingewöhnungszeit und habe mich sofort wohl gefühlt. Auch bei der Bremse merkt man die offroad-Gene: am Anfang sehr weich ausgelegt und mit zunehmenden Hebelweg dennoch mit viel gut zu dosierender Kraft.
Die Instrumente sind als klassischer Drehzahlmesser und zwei kleinen Digitaldisplays ausgeführt - übersichtlich und auch bei Sonne gut ablesbar. Der Lenker ist breit - aber schmaler als bei der Tracer - alle Instrumente rasten gut ein. Nur der Blinker wirkt wie aus dem Legokasten, etwas zuviel Kraft und er ist ab. Die serienmäßige Scheibe ist verstellbar und funktioniert sehr gut, auf die hohe Scheibe würde ich wohl verzichten. Erfreulich ist das kleine Fach vorn rechts für Geldbörse und Handy. Der Beifahrer hat zwar viel Platz, aber der Endtopf schränkt leider die Bewegungsfreiheit des rechten Fußes ein. Sehr gut finde ich, dass der Spritzschutz von hinten praxistauglich bemessen ist und das es viel Raum für eine Gepäckbrücke gibt.
Am liebsten wäre ich nicht mehr abgestiegen: die Leichtigkeit, gepaart mit einem bequemen Platz und gutem Windschutz und einem druckvollen, sehr charakterstarken Motor ist eine Traumkombination. Tja, ich komme ins schwärmen, so ganz objektiv ist der Bericht nicht geworden - aber für mich war´s das beste Motorrad, dass ich bislang gefahren bin. Entspannter noch als die MT09 Tracer, nicht so fordernd, bequemer und ein Traum von Motor. Leider mit 5,6l im Schnitt auch recht durstig. Aber der 23l-Tank renkt das wieder ein.
Negativ habe ich nichts zu berichten - ich denke, dass ich sie mir mal über ein Wochenende ausleihe. Es kann druchaus sein, dass der sportliche Auftritt und die aktive Sitzposition sich auf einer längeren Strecke - auch im direkten Vergleich zur viel geruhsameren AT - ins Gegenteil verkehren. Wenn nicht, dann war das heute ein wahres "Aha"-Erlebnis. Ich befürchte nur, dass meine Traummotorrad XT1200 beim Test am Mittwoch vor dem Hintergrund dieser Erfahrung einen sehr schweren Stand haben wird.