Da das hier ein ordentliches Motorradforum ist, gibt´s hier auch einen ordentlichen Motorraderfahrungsbericht und keinen über einen Roller 
Ich war also heute Motorrad fahren. Eigentlich wollte ich ja letzte Woche schon die 390er Duke probieren, aber da hat mir die Zeit gefehlt (der KTM-Händler sitzt gute 40min weg) und das Wetter war auch doof. Also habe ich heute ein anderes Motorrad auf meiner Liste probiert: die MT09 Tracer. Als vor einigen Jahren die normale MT09 auf den Markt gekommen ist, hat diese ja eingeschlagen wie eine Bombe. Über den Dreizylinder gibt es Lobeshymnen noch und nöcher. Zusammen mit der kleinen MT07 und deren Derivaten haben beide Maschinen Yamaha aus der jahrelangen Lethargie gerissen. Als ob das nicht schon Grund genug wäre, konnte ich Yamaha - trotz des aktuell fragwürdigen Designs verschiedener Modelle - schon immer was abgewinnen. Vor allem die Geländesparte der Tenere fasziniert mich. Deshalb fahre ich die große XT1200 endlich auch kommenden Mittwoch zur Probe und erwarte schon sehnsüchtig die fertige 700er Tenere auf der EICMA.
Da man hier ohnehin nichts in Gelände kann ohne das gleich der Wandersmann pöbelt oder der Revierförster seine Flinte durchlädt, braucht´s auch eigentlich keine 200mm Federweg und 19"/17" oder 21"/18"-Fahrwerke. Was mich - und tausende 20.000Euro-GS-Adventure-Fahrer - nicht davon abhält, dem "ich könnte, wenn ich wollte" zu fröhnen. Realistisch finden aber nahezu 100% der Tourenkilometer auf Asphalt statt. Ich brauche also ein gutes, straffes Fahrwerk, eine aufrechte Sitzposition und einen elastischen Motor. Die MT09 Tracer passt da perfekt ins Beuteschema.
Das Design sagt mir noch zu, wenngleich ein paar Sicken und Kanten weniger auch gut gewesen wären. Die Sitzposition passt meinen 1,88m auf Anhieb: entspannter Kniewinkel, viel Platz zum vor- und zurückrutschen, sehr breiter Alulenker (ganz wichtig für mich und ein Nachteil an der NC /die 700er Tracer hat sogar einen noch schmaleren Lenker), aufrechte Sitzposition mit ganz leichter Neigung nach vorn. Sie wiegt voll getankt nur 212kg und das merkt man auch. Trotz der opulenten Erscheinung fühlt sie sich schon im Stand leicht an. Auf der Piste überzeugt sie mit Stabilität und sehr gutem Geradeauslauf, am breiten Lenker lässt sich sich wunderbar handlich in die Kurve werfen ohne unruhig zu werden. Die Schräglagenfreiheit ist trotz der wohl längsten "Angstnippel" der Motorradwelt absolut ausreichend, geschliffen hat nichts. Das Fahrwek ist straff, aber sensibel genug für den Asphalt-Flickenteppich. Eine AT kann´s natürlich besser, "gatscht" dann aber auch bei der flotten Kurvenfahrt. Dennoch: nichts schlägt hart ins Kreuz durch. Alles in allem "king of the road"-Sitzgefühl mit wuseligem, lockerleichtem Handling bei Blick auf die Rallyearmaturen der 1200er Tenere.
Der Sitzplatz für den Sozius ist reichlich bemessen, nur leider sind die Fußrasten viel zu hoch. Der Zubehörmarkt hat das erkannt und genügend Alternativen bereit (Hepco&Becker, Bruudt, Rizoma usw.).
Klasse sind die Bremsen, sehr kräftig, gut zu dosieren und standfest.
Tja - und was ist nun mit dem Motor? In einem Wort: unglaublich. Gerade mal 100cm² mehr als die NC, aber eine Laufruhe, Drehfreude und Power, dass ich vor Freude in den Helm geschrieen habe. Das - leider yamahatypisch in machen Drehzahlbereichen etwas heulende - Getriebe funktioniert butterweich, die Ganganschlüsse passen perfekt. Eigentlich hatte ich gedacht, dass der Umstieg von DCT auf Schalter mich enttäuscht. Aber der Motor macht alles wett. Wenn man will, dann fährt man im vierten in der 30er Zone und ab 50km/h einfach alles im sechsten. Da schüttelt sich nichts und selbst da zieht sie noch besser rauf, als die NC im dritten. Sobald man einen oder zwei Gänge zurück schaltet, spielt sich ein Inferno ab, dass zumindest mir die Mundwinkel vor Freude bis zu den Ohren gezogen hat. Kurz bei 90km/h im sechsten am Gas gezogen und schon stehen 140km/h am Tacho. Das sind gefühlte Welten gegenüber der NC und vermitteln ein sehr beruhigendes Gefühl der schlummernden Kraftreserve. Dennoch fühlt der Motor sich immer entspannt und nie angestrengt an. Er verleitet nicht zum rasen, sondern kann auch Bummeltempo. Der Verbrauch lag bei absolut akzeptablen 4,5l. Bei 18l Tank gibt das eine gute Reichweite.
Wenn immer von der guten Verarbeitung bei Honda gesprochen wird: bei der Tracer kann Yamaha das auch (beim X-MAx 400 waren meine Erfahrungen leider andere). Keine unguten Spaltmaße, kein klappern, kein scheppern. Und allein die Schwinge mitsamt Kettenspanner ist ein Gedicht.
Alles in allem sehr viel Licht also. Schatten habe ich auf meinen 70km Probefahrt mit Ausnahme der Soziusrasten und des etwas geringen Windschutzes keinen gefunden. Das ganze Paket Fahrspaß und Langstreckentauglichkeit sowie dazu Traktionskontrolle, ride-by-wire, serienmäßige Bordsteckdose und Hauptständer kostet nur knapp 10.000Euro....da muss Honda sich bei der NC1000 im Herbst anstrengen, sonst kann ich mir gut vorstellen nächste Saison erstmals fremd zu gehen.